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Schuldgefühle vermeiden

„Sich die Trauer zu gestatten, mindert das Problem“

In Altenpflegeeinrichtungen kommt es jetzt immer häufiger zu Corona-Infektionen - und auch zu Todesfällen. Ein Psychiater erklärt, wie Pflegefachpersonen ihre Widerstandkräfte stabilisieren können.

Covid-19 war zunächst eine Infektionskrankheit der Jüngeren, viele Skiurlauber aus Tirol waren betroffen und haben zunächst vor allem ihre meist gleichaltrigen Freunde und Bekannten angesteckt. Doch nun erreicht das neue Corona-Virus auch immer mehr Altenpflegeeinrichtungen. „Wir haben hier dann den Beginn einer neuen Entwicklung", sagte der Virologe und Corona-Experte Cristian Drosten von der Charité kürzlich im NDR-Podcast.

Von besonderer Dramatik waren die Fälle in Wolfsburg, wo in einem Heim 32 Bewohner dem Corona-Virus erlegen sind, und in Würzburg (22 Verstorbene, Stand 8. April). Auch in Rheinland-Pfalz spitzt sich die Lage in manchen Pflegeheimen zu: So sind kürzlich in zwei Seniorenheimen im Westerwaldkreis drei über 90-Jährige Bewohnerinnen an Covid-19 verstorben. In einer der beiden Einrichtungen sind nach Angaben des Senders SWR 22 der 86 Bewohner infiziert (Stand 7. April).

Diese Situation belastet Pflegefachpersonen und auch alle anderen Pflegehilfspersonen sehr - nicht nur physisch, sondern auch psychisch. Wie können sich Pflegefachpersonen in dieser Situation schützen? Wir sprachen mit Peter Tonn, dem Geschäftsführer des Neuropsychiatrischen Zentrums (NPZ) in Hamburg. Der Facharzt für Neurologie und Psychiatrie berät unter anderem mehrere Hamburger Pflegeheime.

pflegemagazin-rlp.de: Herr Tonn, können sich Pflegefachpersonen auf Extremsituationen, wie sie die Kollegen in Wolfsburg und Würzburg erleben müssen, vorbereiten?

Peter Tonn: Sie sollten es sogar. Das ist wie bei der Feuerwehr, die den Einsatz der Drehleiter bei einem Hochhausbrand ja auch immer wieder trainiert. Schwierige Dinge wie eine so außerordentliche psychische Belastung, die Pflegekräfte jetzt erleben, muss man üben.

Wie ist der Trainingsplan?

Es gilt, sich konkret klarzumachen, was auf einen zukommt und warum. Durch die Distanzierungsmaßnahmen und Besuchsverbote in den Heimen sind die Pflegefachpersonen jetzt der einzige Kontakt, den die Bewohner noch haben. Weil auch die Therapie wegfällt, sehen sie, wie es den Bewohnern, ohne dass sie krank sind, täglich schlechter geht. Außerdem rufen jetzt ständig Angehörige an und wollen Informationen. In dieser Situation ist es wichtig zu reflektieren, dass das alles äußere Bestimmungen sind – niemand will die Pflegefachpersonen ärgern. Sie sollten sich daran erinnern, dass sie für die Bewohner da sind und sich auf diese fokussieren. Wenn es gelingt, den Standpunkt so zu wechseln, wird die persönliche Schlüsselposition klar: Alle anderen sind durch die äußere Lage behindert, die Pflegenden nicht – sie sind die einzigen, die den Menschen im Heim noch helfen können und dürfen. Dieser Blickwinkel wertet die eigene Bedeutung auf. Der verbreitete Eindruck, immer der Trottel vom Dienst zu sein, ist falsch.

Wie wappnet man sich für den Tod von Bewohnern?

Das ist eine ganz besondere Belastung. Wegen der oft tiefen Verbundenheit zu den Bewohnern kommt es neben Trauer und Mitleid auch häufig zu Schuldgefühlen. Doch jeder muss sich bewusst machen, dass dieser Fall eintreten kann, und für sich selbst im Vorfeld etwas tun. Das überhaupt wahrzunehmen, zu akzeptieren und sich auch die Trauer zu gestatten, mindert das Problem. Kleine Achtsamkeitsübungen können helfen, Schuldgefühle zu vermeiden – zum Beispiel sich jeden Morgen und Abend ganz für sich allein an zwei bis drei Kleinigkeiten zu erinnern, für die man im Laufe einer Schicht dankbar war. Das Lob eines Bewohners vielleicht oder der Kollege, der einem Kaffee gebracht hat. Sich das bewusst zu machen, stabilisiert die Widerstandskraft.

Mangelt es vielen an genau dieser Widerstandskraft?

Gerade in Extremsituationen wie der aktuellen, wenn von außen statt Unterstützung mehr Druck kommt, sinkt oft die Selbstzufriedenheit. Diese zu erhalten oder neu zu entwickeln, haben ganz wenige Pflegekräfte drauf. Dabei kann jeder selbst etwas tun. Ich rate, sich zwischendurch immer wieder kurz auf eine besondere Sinneswahrnehmung einzulassen – voll und hochkonzentriert einen Kaffee zu trinken oder einen Geruch zu genießen. Dazu gibt es diverse Übungen. Das hilft wirklich, ist aber extrem schwierig zu vermitteln.

Warum?

Vielleicht weil es zu naheliegend ist und so gar nicht unserem normalen Lebensrhythmus entspricht. Ich empfehle, das einmal pro Stunde zwei Minuten lang zu machen – wie eine Raucherpause. Einfach da, wo man gerade ist, innehalten, sich zum Beispiel voll auf die Farbe der Wand konzentrieren und nichts denken und nichts machen. Das klingt erst einmal lächerlich, doch es macht was mit einem.

Bewusste Vorbereitung ist das eine. Wie lässt sich ein konkretes Erlebnis wie in Wolfsburg verarbeiten?

Das Beste sind aus meiner Sicht zwei bis drei Nachbesprechungen, wenn das Ereignis ein paar Tage zurückliegt – mit allen, die unmittelbar beteiligt waren, und einer neutralen Person, die nicht zum Team gehört. Dabei geht es neben dem Abschiednehmen und der Schuldbefreiung auch um eine Zukunftsperspektive. Menschen brauchen ein Ziel, für das es sich lohnt, das Weitere durchzustehen. Das kann ein gemeinsamer Ausflug sein oder der Plan, die Station zu renovieren und neue Sessel zu kaufen, wenn das alles vorbei ist. Außerdem braucht es einen Anker in der Gegenwart – zum Beispiel den gemeinsamen Besuch bei einem Bewohner zum Abschluss des Treffens.

Welche Rolle spielen der Arbeitgeber oder die Stationsleitung?

Eine solche Nachbereitung muss natürlich von der Leitung angestoßen werden. Die neutrale Person ist dazu da, die Positionen zu spiegeln und das Team aufzufangen, wenn die Arbeit eine falsche Richtung nimmt – zum Beispiel, wenn verborgene Teamkonflikte durchbrechen. Die Führungskräfte sollten den Kollegen auch ganz offen raten, sich stärker um die eigenen Bedürfnisse zu kümmern, und dafür Tipps geben und neutrale Anlaufstellen vermitteln. Viele PDL sehen das heute als ihre Aufgabe, und auch die Pflegefachpersonen nehmen das überraschend gut an.

Sollten Pflegefachpersonen das Thema Corona mit Bewohnern besprechen und offen beschreiben, was möglicherweise auf sie zukommt?

Damit wäre ich sehr, sehr zurückhaltend. Aus meiner Sicht reicht es, in einfacher Weise und in sehr oberflächlichem Stil die Veränderungen zu erklären: ,Da gibt es ein Virus, so ähnlich wie Masern, und wer daran erkrankt, kann eine Lungenentzündung bekommen, an der man auch sterben könnte – das wollen wir verhindern.‘ Da sehr viele Bewohner an Demenz und kognitiven Störungen leiden, werden sie das ohnehin nicht einordnen können. Und auch bei allen anderen sollten die Pflege- und Betreuungskräfte eher warten, bis die Bewohner mit Fragen auf sie zukommen. Dann können sie diese einzelnen Menschen ganz gezielt näher informieren. Dabei ist es jedoch wesentlich, Panik zu vermeiden – etwa durch Formulierungen wie: ,Wir sind in einer schwierigen Situation, aber wir haben sie im Griff und versuchen alles, damit es für sie hier so sicher wie möglich ist.‘ Die Bewohner haben ja keine Alternative – sie können nicht weg. Sicherheit zu vermitteln, die sie selbst vielleicht gar nicht empfinden, gehört zur Berufsehre der Pflegenden.

Gilt das auch im Umgang mit Angehörigen?

Da würde ich differenzieren. Kindern und Enkeln sollten Pflegekräfte sehr offen erklären, was gerade läuft. Etwa wenn es ihrem Angehörigen nicht gut geht oder wenn jemand im Haus infiziert ist: ,Wir tun alles, damit sich andere nicht anstecken, aber wir können das nicht garantieren‘, wäre ein ehrliche Information. Demenziell Erkrankte zum Beispiel können schließlich nicht eingesperrt werden. Da gehört die Infektionsgefahr zum Lebensrisiko. Bei den Partnern von Bewohnern dagegen muss genau geschaut werden, wie viel ungeschützte Wahrheit man ihnen zumuten kann. Da ist die Frage, was wichtiger ist – Detailtreue oder das Gefühl von Sicherheit.

Interview: Jens Kohrs

Weitere Informationen:


https://epaper.pflegemagazin-rlp.de/20_PFL_Juni_2020_Rheinland_Pfalz_epaper.pdf

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