Corona Blitzlicht-Interview

Tagespflege „Laubach“: Die „neue Normalität“

Zehn Wochen musste die Tagespflege des AWO Seniorenzentrums „Laubach“ in Koblenz coronabedingt schließen. Nun heißt es wieder „Willkommen!“ Was bedeutet das für das Team und die Gäste konkret? Wir haben nachgefragt.

„Wir Mitarbeiter waren schon in der Vorbereitungsphase sehr aufgeregt und happy. Am Tag der Wiedereröffnung war die Freude riesengroß, bei den Mitarbeitern und den Gästen“. Das berichtet Helena Bauer, die die gerontopsychiatrische Tagespflege leitet. Alle hätten ohne Unterbrechung geredet. Eine Besucherin habe sogar von sich aus die anderen zu Gedächtnisübungen angeregt: „Jetzt sammeln wir mal alle Wörter mit A…!“

„Unsere Gäste sind alle mehr oder weniger demenzkrank. Dennoch freuen sich alle, dass sie wieder jemanden anderes haben. Jeder braucht mal ein anderes Gesicht“, beobachtet die Tagespflege-Leiterin. Helena Bauer arbeitet schon seit 25 Jahren in der Altenpflege, seit zehn Jahren in leitender Funktion. Die Tagespflege des AWO-Seniorenzentrums in Koblenz hat sie seit der Eröffnung im Januar 2020 mit aufgebaut.

Eine lange Zeit

Die zehn Wochen der Schließung seien für alle sehr lang gewesen, resümiert die 49-Jährige, für die Kollegen ebenso wie für die Gäste und deren Angehörige. Auch wenn das Team im ständigen telefonischen Kontakt mit Angehörigen gewesen sei und sie mit Rat unterstützt habe. „Wir haben das Glück, dass unsere Gäste zumeist durch ihre Familien gepflegt und betreut werden, sodass keine große Versorgungslücke entstand. Doch die Betreuung eines pflegebedürftigen Angehörigen zuhause ist kräftezehrend“, so Helena Bauer. So werde eine 94-jährige Besucherin von ihrer Tochter betreut, die selbst schon in Rente ist. Das sei eine große Belastung.

Und was macht ein Tagespflege-Team, wenn die normalen Aufgaben plötzlich wegbrechen? Erfreulicherweise musste niemand in Kurzarbeit gehen. Stattdessen halfen die Mitarbeitenden überall aus, wo es – ausgelöst durch die Corona-Krise – an anderen Stellen im Seniorenzentrum brannte. In den ersten drei Wochen unterstützte das Team die hausinterne Kinder-Notfallbetreuung. Gemeinsam mit den Kindern der Mitarbeiter des Hauses bepflanzten sie ein Hochbeet für die Tagesgäste. Seit die Besuchsregelungen im stationären Bereich gelockert werden konnten, halfen sie den stationären Kollegen bei der aufwendigen Durchführung der Besuche, begleiteten Angehörige, desinfizierten, haben Fieber gemessen.

Maximal 6 Gäste

Das ist nun vorbei, denn um die Tagespflege-Gäste vor Ansteckung zu schützen, arbeiten die Abteilungen jetzt streng getrennt voneinander, räumlich und personell. Überhaupt kann von einer Rückkehr zum Normalbetrieb noch keine Rede sein.

Laut dem Stufenplan des Landes Rheinland-Pfalz dürfen Tagespflegeeinrichtungen seit dem 13. Mai „mit reduziertem Angebot in Verantwortung des Trägers“ geöffnet sein. Statt 12 dürfen in Laubach jetzt maximal 6 Gäste betreut werden, hat das örtliche Gesundheitsamt infolgedessen bestimmt. Weitere Infektionsschutzauflagen verändern den neuen Betreuungsalltag. „Beim Abholen mit dem Bus und tagsüber muss ein Abstand von zwei Metern eingehalten werden“, erläutert Helena Bauer. Das funktioniere gut. Zum einen, weil die Tagespflege mit 300 Quadratmetern genügend Platz biete und so fast jeder nun an einem Einzeltisch sitze. Zum anderen würden alle auf die Einhaltung der Hygiene-Regeln achten. Bei Toilettengängen etwa würden die Gäste jetzt Bescheid sagen. Dann begleitet ein Mitarbeiter den Besucher zur Toilettentür und desinfiziert den Raum nach der Benutzung.

Auch das Betreuungsangebot ist nicht mehr wie vor der Corona-Zeit. „Ballspielen im Sitzkreis geht natürlich nicht mehr“ erklärt die Leiterin. „Wir müssen die Aktivitäten überdenken und anpassen. Backen geht zum Beispiel, wenn alle Handschuhe tragen.“

Therapiehunde mischen mit

Eine weiterhin bestehende Aktivität, ist, Leckerlis an die beiden Therapiehunde zu verteilen. Das kommt bei den beiden Mischlingen „Cira“ und „Celly“ gut an und ist hoch attraktiv für die Gäste. Die Tochter einer Besucherin erzählte laut Helena Bauer, dass ihre demenzkranke Mutter zunächst nicht verstanden hatte, dass sie nun wieder zur Tagespflege gehen kann. Sie habe es jedoch begriffen, als die Tochter ihr erklärte, dass sie wieder dahin gehe, wo die Hunde sind.

Die Schließungszeit hat auch eine neue Attraktion für die Besucher mit sich gebracht: das frisch von den Kindern der Mitarbeiter bepflanzte Hochbeet. Blumen und Kräuter wie Petersilie und Schnittlauch wachsen nun direkt auf der Terrasse. Neue Gartenmöbel sind ebenfalls angeschafft worden. Der Sommer kann, so ausgerüstet, wohl beginnen. Oder, wie es einer der Gäste formulierte: „Ich will hier nicht mehr weg. Hier fehlt nur noch das Meer.“

Die „neue Normalität“ in der Einrichtung läuft offenbar gut an. Wie ist die Perspektive? Was wäre bei einer zweiten Welle? „In den ersten Wochen habe ich auch so gedacht“, sagt Helena Bauer. „Aber jetzt glaube ich, dass es aufgrund der umfangreichen Schutzmaßnahmen klappen könnte.“

Autorin: Heike Wehrbein

Fotos: AWO Seniorenzentrum „Laubach“

Das könnte Sie auch interessieren...

Schwerpunktthema

Flexibilität schafft Familienzeit

Immer mehr Kliniken, Heime und ambulanten Dienste setzen auf Familienfreundlichkeit. Die Personalnot erschwert jedoch die Umsetzung.

Corona

Freiwilligen-Pflegepool Rheinland-Pfalz - Kollegiale Unterstützung in der Krise

Über 500 Freiwillige haben sich bereits gemeldet, 30 kamen zum Einsatz und haben die Versorgung im Ernstfall aufrechterhalten.

Rat

Mehr Schutz für Mütter in Pflegeberufen

Neuregelung beim Mutterschutzgesetz: Diese aktuellen Änderungen sollten Sie als Pflegekraft kennen!

Schwerpunktthema

Wenn sich Kollegen verlieben

Herzklopfen, weiche Knie und Schmetterlinge im Bauch – es gibt kaum etwas Aufregenderes, als frisch verliebt zu sein. Kompliziert wird es oft, wenn es zwischen zwei Pflegefachpersonen desselben Teams funkt.