Foto: Clemens Hess

Notaufnahme

Wie effektiv ist das Manchester-Triage-System?

Zwei Studien zeigen eine Verkürzung der Wartezeiten für dringende Fälle. Doch insgesamt betrachtet, ist das System zu wenig differenziert.

Die Notaufnahmen werden immer voller – das ist ein weltweites Problem. Viele Patienten kommen mit Beschwerden, die nicht wirklich dringend sind, aber manche sind eben auch echte Notfälle. Um schnell einschätzen zu können, wer zuerst Hilfe braucht, wurde das „Manchester-Triage-System“ (MTS) entwickelt. Eine Übersichtsstudie hat nun untersucht, ob das MTS dazu führt, dass dringende Fälle schneller behandelt werden.

Bei dem MTS folgen Arzt oder Pflegefachperson einem festen Bewertungsschema. Daraus ergibt sich die Dringlichkeit auf einer fünfstufigen Farbskala von „sofort“ (rot) über „dringend“ (gelb) bis „nicht dringend“ (blau). Das MTS gibt zu jeder Farbe die Minuten an, die der Patient maximal warten sollte („time to treatment“ TtT, Zeit bis zur Behandlung): von 0 Minuten bei Rot, bis 240 Minuten bei Blau. Im Idealfall sollten also rot und orange eingestufte Patienten mit MTS schneller behandelt werden als ohne Triage, weil sie schneller als dringend identifiziert werden.

15 Minuten weniger Wartezeit bei Schlaganfall

Die Forscher der Universität São Paulo haben nun alle weltweit verfügbaren Studien zum MTS zusammengetragen. Dabei haben sie nur solche Studien eingeschlossen, die die TtT mit und ohne Triage-System verglichen haben und die ausreichend gut gemacht waren. Nur zwei Studien erfüllten diese Kriterien. Beide stammten aus den Niederlanden und umfassten zusammen 2.265 Patienten.

Eine Studie untersuchte für alle Patienten, ob sie mit MTS schneller behandelt werden, die andere nur für Schlaganfallpatienten. Beide Male haben Pflegefachpersonen die MTS-Bewertung übernommen. Ergebnis: In beiden Studien wurden dringende Fälle mit MTS schneller behandelt. Patienten mit Schlaganfall mussten ohne MTS im Durchschnitt 75 Minuten warten, mit MTS waren es 60 Minuten.

In der Studie mit allen Patienten zeigte sich ebenfalls eine Verbesserung für rot, orange und gelb eingestufte Patienten. Allerdings machen die Autoren hier keine Minutenangabe. Die durchschnittliche Wartezeit für alle Patienten verkürzte sich nicht – das MTS sollte diese ja auch nur für dringende Fälle verringern. Aus den Ergebnissen können noch keine generellen Aussagen abgeleitet werden, weil es nur zwei Studien waren. „Für Patienten mit dringenden Beschwerden scheint sich aber ein Vorteil zu ergeben“, schreiben die Autoren.

Patienten können MTS manipulieren

Roland Siegel, stellvertretender pflegerischer Leiter der Zentralen Interdisziplinären Notaufnahme am Bundeswehrzentralkrankenhaus in Koblenz, sieht das MTS gemischt: „Es hilft schon, Patienten einzuordnen.“ So werde etwa ein Patient mit kritischen Vitalparametern automatisch als dringend eingestuft – „obwohl Sie ihm erst mal vielleicht nicht anmerken, wie schlecht es ihm geht“. Das MTS helfe, dass solche eher ruhigen, dennoch dringenden Patienten nicht übersehen werden. Gleiches gilt bei den entsprechenden Tracerdiagnosen, wie Thoraxschmerz oder Atemnot.

Doch zuweilen sei das System nicht differenziert genug. „Wenn etwa ein Patient mit einem Lächeln sagt, er hätte Schmerzen der Stärke 8 bis 10, auf einer Skala bis 10, dann kann das einfach nicht stimmen, auch wenn das Schmerzempfinden jeweils subjektiv in der Empfindung des Patienten liegt. Bei solchen Schmerzen wäre er eigentlich kurz vor einem Kontrollverlust.“

Dennoch müsse dieser Patient dann laut MTS als dringend eingestuft werden. „Und geübte Notaufnahme-Gänger wissen das natürlich auch.“ So verlängern sich dann wieder die Wartezeiten für die wirklich dringenden Fälle.

Das Bundeswehrkrankenhaus Koblenz wechselt daher demnächst auf ein anderes System der Kategorisierung: den Emergency Severity Index (ESI). Auch für ihn gilt: Die Bewertung dürfen nur Pflegefachpersonen mit der Weiterbildung Notfallpflege vornehmen.

Ausgewählt hat die Studie Martin Dichter (Ph.D.), wissenschaftlicher Mitarbeiter und Dozent für Evidence Based Nursing (EBN), examinierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Vorsitzender des DBfK Nordwest.

Quelle: Cicolo E et al. Effectiveness of the Manchester Triage System on time to treatment in the emergency department: a systematic review. JBI Database System Rev Implement Rep. 2020 Jan;18(1):56-73. https://www.doi.org/10.11124/JBISRIR-2017-003825

Autorin: Heike Dierbach

Eine Gesamtansicht der Printausgabe des Magazins der Pflegekammer Rheinland-Pfalz Ausgabe 20 bieten wir Ihnen gleich hier unten. Wenn Sie noch weiter runterscrollen, finden Sie ein pdf des Artikels „Wie effektiv ist das Manchester-Triage-System?“ zum Herunterladen.

https://epaper.pflegemagazin-rlp.de/PFL_2020_Ausgabe_20_DS.pdf

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